Ein Auto zum Verlieben

09. April: Ankunft in Campbell River. Sogleich wird uns von Pat, der Mutter von Tessa, bei der wir Unterkunft bekommen, mitgeteilt, dass der Autokauf nicht moeglich sein wird, da wir noch nicht 21 sind und man in BC vorher kein Auto kaufen darf. Etwas verunsichert aber noch nicht die Hoffnung aufgebend, wird nachgeforscht.

10. April: Wir fahren zu einer Versicherungsfirma, um nachzufragen. Die Dame am Schalter meint zwar zuerst, dass es kein Problem sein sollte, als aber Pat nach einem "doublecheck" fragt und nicht locker laesst, weil sie uns nicht illegal auf den gefaehrlichen Strassen BCs fahren sehen will, wird das Maedchen zusehends unsicher, bis sie uns an die Fuehrerscheinstelle in Campbell River verweist. Dort erfahren wir, dass wir seit zwei Jahren einen Fuehrerschein besitzen muessen, um fahren zu duerfen. Wichtig: einen, der nicht als "learners licens" gilt.

11.April: Mein Fuehrerschein ist auf den 01.02.12 ausgestellt, also meinen 18. Geburtstag, dasselbe bei Christina, die sich aber sicher ist, den Fuehrerschein noch keine zwei Jahre zu besitzen. Nachdem die Umstaende ein Skypedate mit meinen Eltern zu arrangieren ueberwunden sind, stellt sich heraus, dass ich den Fuehrerschein am 17. April 2011 bekommen habe. Waere also moeglich abzuwarten. Wieder am BC access center wird uns mitgeteilt, dass das Datum deutlich auf dem Fuehrerschein stehen muss und wenn nicht (in meinem Falle), muss ein beglaubigtes Dokument einer oeffentlichen, staatlichen Instutition direkt ohne Einwirken einer dritten an das BC access centre gehen, danach koenne man weiter sehen. Daheim geht gleich der Befehl an die armen, als personifiziertes Instrument missbrauchten Eltern, beim von uns allen geliebten KVR nach diesem Papier zu fragen.

12. April: Was ist die Loesung des Raetsels? Nein, nicht nur, dass sowohl die liebe Hanna als auch die gute Christina im zarten Alter von 19 Jahren eine Lesebrille brauchen, sondern dass das Datum der bestandenen Fuehrerscheinpruefung HINTEN auf der Lizenz steht. Puhh. Darauf zu kommen kann man aber auch echt von keinem Abiturienten, der schon seit 9 Monaten keine Schule von innen gesehen hat, verlangen. Stolz eroeffnen wir also der Dame am BC access centre Schalter unsere Neuigkeiten, worauf die aeusserst gelangweilte Dame uns den Prozess erlaeutert, um eine BC driver's licence ausgestellt zu bekommen. "Aber Moment, wir wollen doch gar keinen kanadischen Fuehrerschein?" "Achso, ja dann koennt ihr einfach als Besucher fahren." “Wie, einfach fahren? Ohne alles? Ohne die zwei Jahre? Einfach nur mit Fuehrerschein?" "Ja." - Und so erfuhren klein Christina und klein Hanna, dass sie drei Tage umsonst im Dreieck gelaufen waren.

12. - 16. April: Hanna setzt sich einen VW Westfalia, einen Bulli, in den Kopf. Ein Kindheitstraum, ein Hippiebus, DAS Reiseauto fuer die Alternativen. Christina muss erstmal ueberzeugt werden, aber die leuchtenden Kinderaugen tun ihre Arbeit nicht nur schnell, sondern vor allem gut: Christina ist von der Bullikrankheit angesteckt.

17. April: Der erste Westfalia wird besichtigt und auch gleich testgefahren. Eine Schrottkiste (wie es diese Autos in diesem Alter nun mal sind) und sogar der Autohaendler gibt zu, dass es der Bus nicht nach Toronto schaffen wird.

18. April: Nach zwei weiteren Bullibesichtigungen (einer der beiden muss mit Propan, verkabelt mit dem Motor, die Hitze im Auto erzeugen, der andere springt grundsaetzlich erst beim zweiten Versuch an und hat weder Tacho noch Kilometeranzeige; beide ohne Servolenkung) gestehen wir uns ein - ok, Hanna gesteht sich ein - dass der Traum vom Bulli vorerst ein Traum bleiben muss.

21. April: Nach gefuehlten 100 Stunden im Internet, 50 begutachteten Autos, 30 Kofferraeumen, in die wir vor den unglaeubigen Augen der Verkaeufer gekrabbelt sind, und 20 Probefahrten haben wir IHN. MIGUEL, ein 7-jaehriger Chevrolet Cavalier. Blau. Sehr blau. Aber sicher. Und das Wichtigste: Wir passen in den Kofferraum!
So, damit ist das Ende der Geschichte immer noch nicht erreicht. Als Tessa uns zu drei verschiedenen Banken faehrt, um das Geld abzuheben, um das Auto sofort mitzunehmen, muessen wir uns eingestehen, dass es wohl so schnell doch nicht gehen wird. Unsere Kreditkarten geben uns NICHTS. Was jetzt? Den kompletten naechsten Morgen verbringen wir damit, Barclaycard zu erreichen, und endlich kommen wir durch. Doch was ist passiert? Unser Kreditrahmen ist nicht nur erschoepft, wir haben auch noch einen Fehler beim Abschliessen des Vertrages gemacht und zahlen monatlich nur einen Mindestbetrag zurueck statt der gesamten Summe. Das bedeutet, dass wir nun Zinsen fuer das nicht rechtzeitig zurueckgezahlte Geld zahlen muessen. Aergerlich. Zumal wir den Vertrag 1000 Mal durchgelesen und 100 Mal mit Barclaycard telefoniert hatten ... Telefonisch regeln wir alles und aendern auch unseren Vertrag. Wann wir nun wieder mit unserer Kreditkarte abheben koennen? Ab 20. Mai, also in einem Monat. Wie bitte? Und von was sollen wir bis dahin leben? Ah, ja, da gaeb's noch eine Moeglichkeit: Wir koennten unsere Kreditkarte direkt mit Geld aufladen, dann koennten wir wieder etwas abheben. So einfach? Ja, so einfach. Also werden die Eltern in Muenchen kontaktiert. Die Retter in der Not ueberweisen uns Geld auf unsere Kreditkarten, verfuegbar in circa 48 Stunden. Wie halten wir das Auto bis dahin? Es gaebe keine Moeglichkeit, waere da nicht mal wieder Tessa und ihre Familie. Sie leihen uns das Geld fuer das Auto und einen Zuschuss zur Versicherung, sodass wir beides zahlen koennen. Der Mann bei der Versicherung, der sich nicht schneller bewegt wie eine Schildkroete, laesst uns zwei Wische unterschreiben und drueckt uns unsere Kennzeichen, die er aus einem Schrank kramt, in die Hand. So einfach ist das hier! Eine Sache von 20 Minuten an einer Versicherungsstelle im Supermarkt am Sonntag um fuenf. Und dann ist es endlich so weit! Nach einem zweiwoechigen Huerdenlauf sitzen wir wahrhaftig in unserem Auto und fahren durch die sonntagsleeren Strassen in Campbell River - wer haette das gedacht!

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homebase, Dienstag, 30. April 2013, 00:39
Whow, ein Chevy. Aber was macht ihr im Kofferraum?

homebase, Freitag, 3. Mai 2013, 03:13
Schlafen natürlich :)

mimif, Montag, 13. Mai 2013, 15:06
Liebste Hanna,
ich würde so gerne mit Eurem ach so blauen Chevi Cavalier mitdüsen. Übrigens den "Bulli" behalten wir im Augen.
Mimi